Island

Horace and the Rough Stuff Fellowship

Unser neuer Film ist anders. Naja, nicht ganz anders. Wie bei Sea-of-Rock haben wir wieder alte Männer gefunden, die Mountainbiken erfunden haben bevor Mountainbiken erfunden wurde.

ICELAND - HORACE AND THE ROUGH STUFF FELLOWSHIP
© Sebastian Doerk I infinitetrails

Horace Dall 1933

Bei unserer Recherche zu Island fanden wir ein gewaltiges Abenteuer. Die Durchquerung der Sprengisandur-Wüste. Zuerst stießen wir auf Dick Philipps (nicht mit mir verwandt), der 1958 eine Offroad-Bike-Expedition durch die unwirklichste Landschaft Europas führte. Sie fuhren mit ihren Fixies dort, wo die NASA kurz später für die Mondlandung trainieren sollte. Dick erzählte uns von den Erlebnissen der „Rough-Stuff-Fellowship“ und von Horace Dall, der völlig im Alleingang bereits 1933 diese Expedition unternommen hat. Fahrlässig unvorbereitet ließ er sich über den Fluss Þjórsá schiffen – und stand alleine mit seinem Rad in der Wüste.

Sprengisandur  1933

Horace Tagebuch

Was treibt einen Menschen dazu, in so ein Abenteuer zu starten? Wie fühlt es sich an, völlig alleine durch die Islands Traumlandschaft zu Biken? Und kann man heute noch nacherleben, was Horace Dall 1933 für ein Abenteuer unternahm? Mit diesen Fragen im Kopf starteten Sebastian Doerk und ich im letzten Sommer nach Island. Dort angekommen wurde alles anders. Mit dem fiesen Wetter und Wind hatten wir gerechnet, nicht aber mit der kaum vorhandenen Wegkultur dieser kleinen Insel am nördlichen Ende der Welt. Eine Linie auf der Wanderkarte bedeutet hier „die grundsätzliche Möglichkeit zu Fuss dort zu gehen“ und weist nicht zwangsläufig auf das Vorhandensein eines Trails hin. BikeBergsteigen in Island? Speziell. Radfahren mit Anhänger? Noch spezieller. Sprengisandur heute? Eine Schotterpiste für Touristenbusse. Also umplanen und neu denken, Rad und Anhänger ins Auto packen und wieder woanders hin fahren.

Dick Philipps 2013

Dick's Fixie von 1958

Dick's Fixie von 1958

Magne war unsere Rettung. Der Guide von Icebike Adventures kennt alle noch so versteckten Trails in den verrücktesten Landschaften, die ich je gesehen habe. Kein Expressionist könnte Gemälde schaffen, die so aggressive Komplimentärkontraste und gleichzeitig so sanfte Farbabstufungen enthalten, wie es die Natur hier hervorbringt. Unfassbar große Gletscher fließen von den Gipfeln ins Meer, wo die Eiswürfel vom Salzwasser abgelutscht werden, bis die nächste Flut sie als blauglänzende Diamanten wieder an den schwarzen Strand spuckt. Überall dampft und blubbert es, die Erde lebt, obwohl kaum eine richtige Pflanze wächst. Hier lebt tatsächlich der Boden selbst, und er verhält sich wie ein wildes Tier. Unter dem flauschigen Moospelz steckt eine Bestie, man spürt ihre Körperwärme und ihren Puls, ab und zu faucht sie laut. Pass bloß auf, dass du beim Biken nicht in ein weit aufgerissenes Maul fällst voll kochendem Schwefelwasser.

Sandstein Spielereien am Drachenrücken
© Sebastian Doerk I infinitetrails

Landmannalaugar
© Sebastian Doerk I infinitetrails

Gletscher bei Skaftafell
© Sebastian Doerk I infinitetrails

Wenn es Trails gibt, dann sind sie auch richtig gut. Ein Bergrücken in der Nähe von Reykjavik hat mir besonders beeindruckt mit seinem organisch geformten Sandstein. Verspielte kleine Wallrides und Sprünge reitet man hier talwärts über einen versteinerten Drachenrücken. Die größte Traildichte fand ich in Landmannalaugar, dem bekannten Gebiet im Hochland Islands, das aussieht wie in Ölfarben gemalt. Auf jedem Hügel gibt es witzige Pfade mit deftigen Sektionen, teilweise extrem lockeren Ascheboden, auf dem ich eine Fahne aus Staub hinter mir herziehe wie beim Skifahren im Pulverschnee.

Abfahrt nach Thorsmörk - mein Lieblingstrail
© Sebastian Doerk I infinitetrails

Am Ende eines ganzen Monats in Island blickte ich zurück auf einige fantastische Biketouren und viele sinnlose Hoch- und Runtertrage-Abenteuer. Nach Sebastians Abreise konnte ich erleben, wie es ist, völlig alleine in Island unterwegs zu sein. Der Anhänger und ich sind dabei keine Freunde geworden, der 4x4 macht viel mehr Spaß auf Schotterpisten. Ein Abenteuer wie Horace Dall konnte ich im Island des 21. Jahrhunderts nicht mehr erleben, und auch eine richtige Erstbefahrung blieb mir verwehrt. Aber was ich gefunden habe war viel wertvoller.

Ich habe gelernt, wie unwichtig es ist, der erste zu sein. Die selbe Lektion lernte Dick Philipps 1959. Und Horace Dall, der 1933 tatsächlich der erste war – dem war es Wurscht.

Manchmal ist der Weg das Ziel.

Camping auf Island - auch speziell
© Sebastian Doerk I infinitetrails

Unser Bike-Abenteuer ist Teil der ZDF-Dokumentation:
IM ZAUBER DER WILDNIS - ISLAND UND DER VATNAJÖKULL NATIONALPARK